Vertriebene, Kartoffelkäfer und die 60-Stunden-Woche
Bevor es durch einige Fügungen in den Besitz meiner Familie, der Familie Barckhausen, gelangte, war Gut Heinsen ein mittelalterliches Rittergut. Seitdem wird es als Familienstammsitz mit landwirtschaftlichem Familienbetrieb weitergegeben. Als ältester Sohn erbte ich es 1965. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte sich schon vieles auf dem traditionsreichen Gut gewandelt.
Als ich heiratete, bewies meine Frau schon bald, welch frischer Wind durch das Herrenhaus wehte. Während meine Mutter jedes ihrer sechs Kinder in Heinsen mithilfe der Dorf-Hebamme geboren hatte, wollte meine Frau dieser Tradition partout nicht folgen. Trotz aller Empörungsbekundungen der Heinser Frauen bestand sie darauf, im Krankenhaus niederzukommen.
Noch einmal änderte sich das Leben auf Gut Heinsen schlagartig, als nach dem Krieg die Vertriebenen zu uns kamen. Sie stammten hauptsächlich aus Schlesien und waren zum Großteil evangelisch. Als sie den Bahnhof in Alfeld erreichten, sagte mein Vater sofort, dass wir alle Familien unter ihnen aufnehmen würden. Ihm taten die Flüchtlinge leid und wir konnten ihnen bieten, was sie am dringendsten brauchten: Unterkunft und Einkommen.
Die Familien, es waren nur wenige Männer unter ihnen, wurden landwirtschaftliche Mitarbeiter bei uns. Neben Wohnraum bekamen sie Hühner und einen Garten, wo Nutzpflanzen angebaut werden konnten. Sie beteiligten sich an den harten Arbeitstagen, die früh begannen und spät endeten. Um 4 Uhr morgens wurden die Kühe zum ersten Mal gemolken und anschließend um 5 Uhr die Pferde gefüttert. Um 7 Uhr begann die Arbeit für alle: Man ging mit laufstarken Ochsen aus Ungarn aufs Feld, denn die meisten Pferde waren von der Wehrmacht eingezogen worden. Alles musste mit Muskelkraft erledigt werden, denn wir hatten weder Maschinen noch Diesel, um sie zu betreiben. Die Arbeit war körperlich sehr anstrengend und wurde per Stundenlohn vergütet. Je nach Jahreszeit kam man in einer Woche auf rund 60 Arbeitsstunden.
Mit den Vertriebenen fanden auch 50 Kinder auf dem Gut ein neues Zuhause, was für uns Geschwister Barckhausen sehr aufregend war. Wir spielten zusammen und gingen gemeinsam zu Fuß zur Schule nach Deilmissen in das heutige Dorfgemeinschaftshaus. Nach zwei Tagen waren die Kinder integriert.
Bei allem Einverständnis waren die sozialen Unterschiede jedoch unübersehbar: Meine Geschwister und ich waren behütete, bevorzugte Kinder und bekamen beispielsweise Anweisung und Unterstützung bei den Schulaufgaben. Unseren Mitarbeitern bleib dafür keine Zeit.
An einigen Tagen im Sommer ging es für die Kinder nach der Schule auch direkt auf die Felder, um Unkraut zu zupfen. Zu einem Stundenlohn von 8 Reichspfennigen durchkämmten sie das Feld und lasen Kartoffelkäfer a, die selbstverständlich ohne Skrupel zerquetscht wurden.
Dennoch blieb immer genug Zeit zum Spielen – meist Verstecken, Laufen und Hüpfekästchen auf der Straße oder im Wald. Vor allem aber spielten wir alle zusammen. Mit vielen der Vertriebenen entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis, wie zum Beispiel mit der Familie Senftleben, und manche blieben ihr ganzes Leben lang, bis in die 1990er Jahre, auf dem Gut.
Was über all diese Jahre unverändert blieb: Es herrscht ein guter Zusammenhalt unter den Leuten in Heinsen. So ist es etwa selbstverständlich für meinen Sohn, über eine zentrale Anlage ganz Heinsen mit Holzspänen aus dem eigenen Wald zu heizen. Wir hoffen, so „warm“ bleibt es in Heinsen auch in Zukunft.
Erzählt von Karl Barckhausen, zu Papier gebracht von Elisa Kneisel