Tante Trude und ihr Macker
Tante Trude hieß eigentlich Gertrud Przyborowski. Aber diesen Namen konnte hier niemand aussprechen und darum nannte sie in Rössing jeder Tante Trude. Sie war eine waschechte Berlinerin, hatte viel Humor und genau das Mundwerk, das man den Berlinern nachsagt. Der 2. Weltkrieg hatte sie hierher aufs Dorf verschlagen. Tante Trude war ein lebensfroher Mensch und liebte Maskeraden. An jedem Faschingsfest nahm sie teil, einmal auch als Braut im weißen Kleid, der Spaß war unbeschreiblich. Sie lebte nicht gern allein. Viermal war sie schon verheiratet gewesen und hatte alle ihre Ehemänner überlebt. Auch in Rössing hatte sie wieder einen Lebensgefährten gefunden. Tante Trude und ihr Macker hieß es allgemein. Er feierte offenbar ebenso gerne wie sie und wenn er dann zuviel getrunken hatte, karrte sie ihn auf dem Handwagen nach Hause. Im Februar 1958 war es dann wieder soweit. Tante Trude heiratete im Alter von 66 Jahren zum fünften Mal. Ihr Auserwählter hieß Friedrich Völker und war 65 Jahre alt. Das ganze Dorf nahm an der Hochzeit lebhaft Teil.
Über 500 Schaulustige waren an der Kirche erschienen, und die Presse war mit mehreren Fotoreportern vertreten. Wie bei den vorangegangenen 4 Hochzeiten ließ sie es sich nicht nehmen, im weißen Brautkleid mit Kranz und Schleier vor dem Standesbeamten Hans Schneider in Rössing und anschließend in der Kirche zur Trauung erschienen.
Aber ob es sich zu den 5 Hochzeiten immer um dasselbe gehandelt hat, ist nicht überliefert.
Auf jeden Fall erhielt Tante Trude mit der Heiratsurkunde eine Abfindung ihrer Kriegshinterbliebenenrente, die den 3fachen Jahresbetrag ausmachte, insgesamt etwa 2500 DM.
So klein waren die Witwenrenten.
Aber die Geschichte geht noch weiter.
So selig Tante Trude bei ihrer Hochzeit im Februar war, um so trauriger war sie auch, als auch ihr 5. Ehemann schon im September des gleichen Jahres verstarb. Doch sie ließ den Mut nicht sinken.
Ein gutes Jahr später, am 7. November 1959 heiratete sie wieder. Friedrich Sieker hieß ihr neuer Ehemann. Aber das Schicksal ist hart. Schon nach 46 Tagen ihrer jungen Ehe segnete auch ihr 6. Ehemann das Zeitliche. Er konnte das Glück nicht mehr ertragen, so erzählte sie später in vergnügter Runde.
Einige Zeit später zog sie nach Hildesheim und dann in ihre Heimatstadt Berlin. Von dort kam im März 1965 dann die frohe Kunde: Tante Trude beantragt in Berlin ihr 7. Aufgebot. Sie hatte noch viele Freunde in Rössing, die sie ab und zu besuchte. Die fragten sich schon lange: Seit 1959 ist Tante Trude Witwe. Wie lange kann sie das aushalten? Aber nun stand ja die nächste Hochzeit in Aussicht, und wenn der neue Auserwählte so lange durchgehalten hat, ist es sicher auch zur 7. Eheschließung gekommen. Aber ob es die letzte gewesen ist, war leider nicht in Erfahrung zu bringen.