In den Knickwiesen
Am Wege von Fölziehausen nach Duingen liegen die Knickwiesen. In ihnen soll ehedem ein prächtiges Schloss gestanden haben, doch seinen einstigen Standort kennt niemand mehr. Ebenso vermag auch keiner anzugeben, welches ritterliche Geschlecht hier gehaust hat und wann und warum es so spurlos verschwunden ist. Nur eins erinnert noch an jene Zeiten; das ist der rätselhafte Totengeist, von dem die Leute früher gern erzählten. Die wenigen Menschen aber, die ihn heutzutage zu Gesicht bekommen wo1len, müssen vom GIück besonders begünstigt sein.
Einmal kam ein Mann zur Mitternachtszeit durch die Knickwiesen geschritten. Plötzlich bemerkte er eine schöne Frauengestalt, deren zarte Glieder in weiße, rauschende Seide gehüllt waren. Auf ihren Schultern trug sie eine goldene Schanne, an der links und rechts je ein goldener Eimer hing. Sogleich fiel dem Manne ein, dass dies wohl das verwünschte Fräulein sein müsse, von dem er als Kind aus Großmutters Mund so viel gehört hatte. Es fiel ihm auch wieder bei, dass diese Erscheinung niemandem etwas zuleide tue, und dass sie viel Glück und großen Reichtum spende, wenn nur der Rechte käme und sie erlöste.
Der einsame Wanderer muss wohl einer jener Bevorzugten des Glückes gewesen sein; denn plötzlich war die Gestalt bei ihm und schwebte neben ihm dahin. „Auf dich habe ich schon lange gewartet, um dich glücklich und unermesslich reich zu machen. Doch musst du zuvor eine dreifache Proben bestehen. Bleibst du standhaft und schweigsam wie die Nacht, dann bin ich erlöst und halte mein Versprechen“, so redete sie ihn freundlich an.
Plötzlich kroch eine gewaltige Schlange auf ihn zu. Er erschrak zwar, fasste sich jedoch bald wieder, schwieg und schritt weiter. Im nächsten Augenblick fuhr ein großes Fuder Heu an ihm vorbei. Es schwankte gewaltig und drohte jeden Augenblick auf ihn zu stürzen. Der Mann zitterte an allen Gliedern, doch für dies MaI schnürte ihm der Schreck die Kehle zu. Als ihm aber als Drittes ein unbeschreibbares Ungeheuer entgegenkam, wurde es ihm schwarz vor Augen, und mit einem lauten Schrei brach er bewusstlos zusammen. Bei seinem Erwachen sprach das unglückliche Weib mit tränenerstickter Stimme: „In diesem Augenblick fällt irgendwo eine Eichel vom Baume. Sie keimt bald, wird zu einer gewaltigen Eiche und liefert Holz zu einer Wiege. Das Kind, das darin groß wird, mag mich dann wohl erlösen.“
BaId schlug in den Dörfern umher die Uhr eins, und die verwünschte Gestalt war im selben Augenblicke verschwunden. Der Wandersmann aber erhob sich und ging mit bebenden Knien seines Weges.