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Eine Kindheit in der Eimer Unterwelt

Als das Kaliwerk Frisch Glück 1905 offiziell die Förderung aufnahm, muss sich das Leben in Eime schlagartig verändert haben. Mit Ankunft der 350 Werksmitarbeiter entwickelte sich eine ganz neue Infrastruktur: Gesangsverein und Werksfeuerwehr wurden gegründet, eine neue Schule, eine Badeanstalt und eine Turnhalle gebaut. Und mittels einer kleinen Doppelhaus-Kolonie unweit des Werks wurde neuer Wohnraum für die Arbeiterfamilien geschaffen. In dieser Betriebssiedlung lebte mein Großvater mit meiner Großmutter, denn auch er war im Kaliwerk beschäftigt. Als das Werk nach nur wenigen Jahren wieder geschlossen wurde, kauften sie das Haus, und seitdem ist es im Besitz meiner Familie.

Wenn man mich heute fragt, wo ich aufgewachsen bin, dann sage ich selbstverständlich: „In Eime!“ Doch damals verhielt es sich anders. Es hieß dann immer: „Woher kommst du? Vom Schacht???“ Und dann war man sofort abgestempelt. Als Kinder unterschieden wir sogar noch zwischen Ober- und Unterschacht. Auf beiden Seiten gab es ein eigenes Osterfeuer …

Beide Parteien versuchten natürlich, das jeweils andere verfrüht anzuzünden. Diese Rivalität artete auch gerne mal in handfeste Prügeleien aus.

Doch neben dem Spielen solcher Streiche gab es noch ganz andere Höhepunkte in unseren Kindertagen: die regelmäßigen Besuche des Puppentheaters der Zahnpastafirma Blendax oben auf der Waldschenke. Eines Tages, etwa 1948, waren meine Eltern zu Hause geblieben und ich lauschte gespannt den Geschichten des Puppenspielers. Auf einmal hörte man einen schrecklichen Knall und ein enormes Getöse, gefolgt von einer starken Erschütterung. Alle rannten aus dem Theater und rissen einander dabei fast um. Zuhause stürmten auch meine Eltern auf den Hof – alle Dachziegel klapperten. Klack, klack, klack! Mein Vater kannte das noch aus Kriegszeiten und lief sofort wieder ins Haus hinein, um sich vor einem vermeintlichen Angriff in Sicherheit zu bringen.

Was tatsächlich passiert war: In Godenau wurde der Schacht gesprengt. Ab da hieß es immer: Die Schächte sind miteinander verbunden und der in Eime geht auch gleich hoch!

Diese und weitere Legenden über den Schacht verbreitetet sich im Eime der Nachkriegszeit hartnäckig. Manche behaupteten, an manchen Stellen gebe es so große unterirdische Höhlen, dass ganze Kathedralen hinein passten. Hin und wieder hörte man auch, dass Eime komplett unterhöhlt sei, und solle einmal das Füllmaterial im Schacht zu rutschen beginnen, würde ein Erdbeben unweigerlich das Dorf erschüttern. Andere vermuteten geheime Kriegswaffenlager in den Kalischächten.

Jahrzehnte später fanden Herr Schmull, der ehemalige Gemeindedirektor, und ich bei Nachforschungen alte Dokumente im Kaliwerk Bad Salzdetfurth und sahen zum ersten Mal auf Karten, wie weit sich der Schacht in Eime wirklich erstreckte. Es gab keine Verbindung zu Godenau; das war alles Quatsch.

Inzwischen sind wir zu inoffiziellen Archivaren der Eimer Schacht-Geschichte geworden. Wir tragen alle möglichen Quellen, Fotos und Objekte aus der Zeit des Kaliwerks zusammen: Aus vielen Dachböden und Kellern in der Region finden durch Schenkungen immer wieder historische Zeugnisse den Weg in unsere Sammlung. Sobald die Eimer Heimatstube – unser Ortsmuseum – umgebaut und wieder begehbar ist, können Interessierte dort Steigeruniformen, Flaggen, Modelle und historische Texte aus der gut dokumentierten Eimer Unterwelt betrachten. Doch manche Mythen und Legenden rund um den Schacht werden sicherlich nie ganz verschwinden.