Der Armesünderfriedhof
Als auf dem Wohldenberge noch das Schloss des Drosten stand, wurde dort einmal ein großes Fest gefeiert. Nach dem Essen räumten die Diener die Tische ab, und eine junge Magd musste in der Küche die silbernen Löffel abwaschen. Als man sie am anderen morgen nachzählte, fehlte ein Silberlöffel. Alles Suchen war vergeblich. Die Küchenmagd kam in Verdacht ihn gestohlen zu haben. Obgleich sie weinend immer und immer wieder ihre Unschuld beteuerte, sperrte man sie doch in das Burgverließ. Als die Folterknechte sie mit glühenden Zangen zwickten, bekannte sie, um ihre grausamen Peiniger loszuwerden, sie habe den Löffel genommen. Wo er aber wäre wüßte sie nicht. Sie wurde zum Tode verurteilt.
Der Henker kam, um der Diebin den Kopf abzuschlagen. Man brachte sie zum Richtplatz, der am Waldrand lag. Es half dem Mädchen nichts, daß es sein Geständnis widerrief und flehend jammerte: Ich bin unschuldig! Ich habe den Löffel nicht gestohlen!
Zu der Zeit, da das junge Ding zu Richtstätte geführt wurde, ging der Koch, der das Mädchen lieb hatte und seinen Tod nicht ansehen mochte, in die Schloßküche und sah, daß der Gossenstein, wo die Magd die Abwäsche gemacht hatte, gespalten war. Indem er sich bückte, um zu wissen, wie das wohl zugegangen sein konnte, glitzte im Abflußrohr der vermißte Silberlöffel. Er schlug Lärm und meldete seinen Fund. Sofort eilte ein Bote aus dem Burgtor hinaus, um die Hinrichtung der Unschuldigen zu verhindern. Der Koch aber rannte zum Bergfried hinauf, von dem aus man den Richtplatz sehen konnte. Weil er fürchtete, daß der Bote zu spät kommen könnte, winkte er zum Zeichen, daß der Henker warten sollte, mit einem weißen Tuch.
Der Henker sah das Winken und glaubte, es sei der Befehl, schnell zuzuschlagen. Als die Magd nochmals schrie: Ich habe es nicht getan!, schlug er zu und der Kopf rollte zur Erde. So war das Unglück schon geschehen, als der Bote atemlos auf dem Richtplatz eintraf.
Das Mädchen wurde auf seiner Todesstätte begraben, und neben den Grabhügel stellte man einen hohe Gedenkstein, auf dem das Bild der Unschuldigen zu sehen war. - Der unheilvolle Winker hat sein Lebtag nicht mehr gelacht, er ist unbeweibt gestorben.
Als um 1820 der neue Schafstall in Silium gebaut werden sollte, benutzte man dazu Steine aus dem im Jahr 1800 abgebrochenen Wohldenberger Schloß. Auch den Stein der unschuldig Hingerichteten lud man auf einen Wagen, um ihn als Baumaterial zu verwenden: beim Abladen aber zerbrach er in tausend Stücke. - An der Stelle, wo die Erde das Blut der Unschuldigen trank, will nichts wachsen, nachdem man den Grabhügel eingeebnet hat.
aus Von Tückeboten und Lüchtenkerls-Sagen aus dem Ambergau.