Geschichte
Geschichtliches
Söhlde – Geschichte in Bewegung
Söhlde blickt auf eine über 850-jährige Geschichte zurück, die von Wandel, Umbrüchen und stetiger Entwicklung geprägt ist. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1151 – in einer Zeit, in der das Dorf unter dem Einfluss des Hildesheimer Bischofsstuhls stand und die Landwirtschaft das Leben der Menschen bestimmte. Der Ortsname weist auf eine Siedlung im „Sumpfland“ hin – ein Hinweis auf die Topographie der Umgebung.
Im Mittelalter waren die Lebensverhältnisse in Söhlde geprägt von schwerer bäuerlicher Arbeit, die den Menschen nur wenig Freizeit ließ. Bei Dürre oder Überschwemmungen fiel die Ernte schlecht aus und die Folge waren Hungerzeiten und oft auch Krankheiten. Die Lebenserwartung war gering und viele Frauen starben schon im Kindbett. Die Landwirtschaft und die kirchlichen Feiertage gaben den Rhythmus vor und waren eng mit dem bäuerlichen Leben verbunden. So wurde beispielsweise jedes Jahr am 29.9. – dem Michaelistag – das Erntedankfest mit Gottesdiensten gefeiert und es war einer der Tage, an denen die Bauern ihre Abgaben zu leisten hatten.
Zu dieser Zeit war Söhlde Teil wechselnder Herrschaftsverhältnisse, insbesondere geprägt durch das Hochstift Hildesheim und die Herzöge von Braunschweig. Die Reformation brachte auch in Söhlde tiefgreifende Veränderungen: Ab dem frühen 16. Jahrhundert wurde die Gemeinde erstmals evangelisch, obwohl die konfessionellen Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten lange spürbar blieben. Besonders der Dreißigjährige Krieg hinterließ tiefe Spuren – Truppendurchzüge, Zerstörung und Hungersnöte dezimierten die Bevölkerung erheblich.
Der christliche Glaube prägte über Jahrhunderte die dörfliche Weltanschauung. Ein einschneidendes Ereignis war das Hagelunwetter von 1772, das die Getreideernte fast vollständig vernichtete. Für das damals weitgehend von Selbstversorgung geprägte Dorf war dies eine Katastrophe: Viele Söhlder mussten betteln, um nicht zu verhungern. Aus dieser Not heraus entstand eine Tradition, die bis heute fortgeführt wird: die Hagelfeier. Sie wird jährlich als Buß- und Bettag begangen und erinnert an das Unwetter, aber auch an den tiefen Glauben der Dorfgemeinschaft, durch Buße und Gebet vor solchem Unheil bewahrt zu bleiben.
Ein bedeutender wirtschaftlicher Wandel setzte im 19. Jahrhundert ein: Mit der Erschließung von Kreidevorkommen in der Region entwickelte sich Söhlde zu einem Industriestandort. Die Kreidewerke prägten das Leben im Dorf über viele Jahrzehnte. Sie schufen Arbeitsplätze, lockten neue Einwohner an und veränderten das Dorfbild nachhaltig. Parallel dazu bestanden weiterhin viele landwirtschaftliche Betriebe, die mit dem Wandel der Zeit zunehmend an Bedeutung verloren.
Die Kreidefabrikation lag in der Hand der „Kreidebauern“, die in zahlreichen kleinen Betrieben den Rohstoff mit Windkraft verarbeiteten. 1906 wurde das erste Elektrizitätswerk errichtet und nun konnten die Mühlen windunabhängig und effizienter betrieben werden. Für Söhlde war seine Mühlenlandschaft charakteristisch: Mehrere Windmühlen waren in Betrieb und trugen maßgeblich zur wirtschaftlichen Bedeutung des Ortes bei. Noch heute erinnern Gebäude und Straßennamen an diese einst so wichtige Infrastruktur. Das spiegelt sich auch im Wappen des Ortes Söhlde wider, das drei Windmühlen zeigt.
Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden in Söhlde zahlreiche Vereine, darunter der Vorgänger des Gemischten Kirchenchores, die Freiwillige Feuerwehr, der Vorläufer des Turn- und Sportvereins, die Schützengesellschaft und der kulturell prägende Theater-Verein. Die beiden Weltkriege hinterließen tiefe Spuren: In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1944 fielen Bomben auf Söhlde und forderten neun Menschenleben. Zudem kehrten viele Soldaten als Gefallene oder Vermisste nicht mehr in ihre Heimat zurück.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Bevölkerung von Söhlde durch den Zuzug Vertriebener und Geflüchteter weiter an. Die Eingemeindung benachbarter Dörfer im Zuge der Gebietsreform 1974 machte Söhlde schließlich zum Mittelpunkt einer neuen Einheitsgemeinde, zu der die Dörfer Bettrum, Feldbergen, Groß Himstedt, Hoheneggelsen, Klein Himstedt, Mölme, Nettlingen, Söhlde und Steinbrück gehören. Man einigte sich auf ein neues Gemeindewappen: die silberne Kehrwiederkirche in Steinbrück mit goldenem Knauf und Kreuz auf rotem Hintergrund. Dieser ehemalige Zwinger der Burg Steinbrück hat eine rund 450-jährige Geschichte und ist heute die einzige Rundkirche in Niedersachsen.
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© Gudrun Kmoch
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Das Dorf Söhlde vereint Geschichte und Gegenwart: Historische Gebäude und Stätten zeugen von einer reichen Vergangenheit, während moderne Infrastruktur und eine aktive Dorfgemeinschaft den Blick in die Zukunft richten. So ist Söhlde mehr als nur ein Ort; es ist ein lebendiges Stück Regionalgeschichte im Wandel der Zeit. Heute zählt der Ort rund 2.500 Einwohnerinnen und Einwohner.
Historische Baulichkeiten
Ev.-luth. Martin-Luther-Kirche
Zu finden: Martin-Luther-Straße 1
Die Kirche in Söhlde zählt zu den ältesten Bauwerken des Dorfes. Ihr Ursprung liegt im 14. Jahrhundert, als erstmals ein Pfarrer erwähnt wurde, der vermutlich vom Hildesheimer Domkapitel eingesetzt wurde. Der erste Bau war noch bescheiden, wurde aber 1428 umgestaltet. 1553 fiel Söhlde einem Brand durch feindliche Truppen zum Opfer, bei dem auch das Kircheninnere völlig zerstört wurde. Im Dreißigjährigen Krieg blieb sie hingegen weitgehend verschont. 1730 entstand ein neuer Glockenstuhl, 1743 wurde die Kirche umfassend renoviert. Um 1820 war besonders der Kirchturm stark baufällig und drohte einzustürzen. Deshalb wurde er 1837 abgetragen und 1840 aus Hoheneggelsener Bruchsteinen neu errichtet – bis heute ein markantes Wahrzeichen Söhldes. Während der Bauarbeiten fanden die Gottesdienste im heutigen „Buddes Hof“ statt. Mit dem starken Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert erhielt die Kirche zudem ein neues Längsschiff, um den rund 1.000 Einwohnern Platz zu bieten.
Mit der Reformation wurde die Kirche evangelisch. Besonders sehenswert ist der neugotische Retabelaltar mit Kruzifix und den Figuren von Maria, Johannes dem Evangelisten, Petrus und Paulus. Über dem Taufbecken hängt ein prächtiger Kronleuchter, gestiftet von Heinrich Dammann nach seiner Genesung von einem schweren Unfall. Links vom Altar steht ein Taufengel mit Schale, darunter eine wertvolle Lutherbibel von 1660, die vom Ehepaar Dammann gestiftet wurde. Den Chorraum zieren farbige Glasfenster mit biblischen Szenen, während große Rundbogenfenster im Langhaus für Helligkeit sorgen. Eine historische Orgel, im 19. Jahrhundert erneuert, begleitet bis heute Gottesdienste und Konzerte. Ein Taufstein aus dem 17. Jahrhundert erinnert an frühere Generationen. Bedeutende Kunstschätze besaß die Kirche nicht, außer einem Abendmahlsgerät und Kerzenleuchtern von 1666.
Seit dem Lutherjahr 1983 trägt sie den Namen Martin-Luther-Kirche. Damals wurde sie im Osten erweitert, und neben einer bereits 1883 gepflanzten Luthereiche auf dem Friedhof kam eine zweite hinzu. Teile der neoromanischen Ausstattung sind bis heute erhalten.
So vereint die Martin-Luther-Kirche in Söhlde Spuren aus vielen Jahrhunderten, von den mittelalterlichen Ursprüngen bis zur Neuzeit. Sie ist damit nicht nur das geistliche Zentrum, sondern auch ein wichtiges Kulturerbe und ein prägendes Wahrzeichen des Ortes.
Alter Friedhof der Martin-Luther-Kirche
Zu finden. Martin-Luther-Straße 1
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© Gudrun Kmoch
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Direkt an der Martin-Luther-Kirche in Söhlde befindet sich der historische Friedhof mit mehreren Gedenksteinen. Ein Ehrenmal erinnert an die Gefallenen des Krieges von 1870/71, zwei weitere an die Bombenopfer der beiden Weltkriege. An die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 mahnt ein Findling, der auf einem Sockel aus Feldsteinen ruht. Die Denkmäler sind eingebettet in eine Umgebung mit zahlreichen Grabmalen des 19. Jahrhunderts und altem, schattenspendenden Baumbestand.
Neuer ev.-luth. Friedhof und Friedhofskapelle
Zu finden: Am Steinbrücker Weg
Zwischen Söhlde und Steinbrück befindet sich am Steinbrücker Weg seit 1930 der „Neue Friedhof“ mit alten Familiengräbern, aber auch Rasengräbern mit Namensplatten. 1953 wurde hier eine Kapelle errichtet mit einem Altar und einem Kreuz aus Söhlder Kreidestein. Hinter der Kapelle findet man auch die Denkmäler und Grabsteine der Opfer eines Bombenangriffs auf Söhlde in der Nacht vom 12./13. August 1944.
Spuren von historischen Produktionsstätten
Mühlen in Söhlde
Söhlde war einst ein echtes Mühlendorf: Schon 1778 wurde die erste Windmühle auf dem Söhlder Berg errichtet. Ende des 19. Jahrhunderts standen hier insgesamt 14 Windmühlen, womit der Ort als das Dorf mit den meisten Mühlen in Deutschland galt. Ihr Aufschwung hing eng mit der Kreideindustrie zusammen.
Kurz nach 1810 entdeckte der Glaser Christoph Behrens, dass sich aus den örtlichen, kreidehaltigen Steinen Kitt herstellen ließ – ein Material, das sehr gefragt war. Damit begann der Aufstieg Söhldes zur Kreidehochburg: Immer mehr Mühlen entstanden, um die Rohkreide zu mahlen. Söhlde entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Kreideabbaugebiete weltweit.
Mit der Einführung der Elektrizität verloren die Windmühlen im 20. Jahrhundert jedoch ihre Bedeutung, viele verschwanden. Zwei besondere Zeugen dieser Zeit sind noch bis heute erhalten.
Kreidemühle
Zu finden: Im Westerbach
Die Kreidemühle im Westerbach wurde 1862 errichtet und gilt als Ausgangspunkt der Söhlder Kreideindustrie. Christoph Behrens, Glaser und Gastwirt in Söhlde, hatte bereits zuvor entdeckt, dass sich die im Süden des Dorfes vorkommenden kreidehaltigen Steine zur Herstellung von Kitt eigneten. Damit begann eine rasche Entwicklung: Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts standen in Söhlde insgesamt 14 Windmühlen. Mit der Einführung der Elektrizität verloren die Windmühlen jedoch an Bedeutung, viele verschwanden.
Die Kreidemühle von 1862 ist heute die letzte Kreidemühle Deutschlands mit vollständig erhaltener technischer Inneneinrichtung. Ursprünglich mit Windkraft betrieben, erfolgte 1906 die Umstellung auf Elektrobetrieb, Söhlde erhielt sogar ein eigenes kleines Kraftwerk für seine Mühlen. 1957 wurde der Betrieb eingestellt und die Verarbeitung industriell fortgeführt.
Von den typischen Windmühlenmerkmalen wie Kappe und Flügel ist zwar nichts mehr vorhanden, doch im Inneren blieben bedeutende Maschinen erhalten, darunter zwei Kollergänge (Mahlwerke), eine Wasserpumpe, ein Kettenförderer, ein Steinbrecher, ein restauriertes Kammrad sowie ein Elektromotor. Durch den Einsatz des örtlichen Mühlenvereins wurde das Gebäude 2009 umfassend renoviert und ist heute ein einzigartiges technisches Denkmal.
Patentmühle Söhlde
Zu finden: Bürgermeister-Burgdorf-Straße 8
Infos über das Rathaus Söhlde: 0 51 29 / 972-0
Verein zur Erhaltung historischer Mühlen in Söhlde e.V.
Die Söhlder Patentmühle entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Bockwind- und Getreidemühle am Dorfrand. 1882 wurde sie zu einer modernen Holländerwindmühle mit Kettenzug umgebaut: Nun drehte sich nicht mehr das ganze Gebäude, sondern nur die Kappe mit den Flügeln. Gleichzeitig erhielt sie ein festes Ziegelmauerwerk. Anfang des 20. Jahrhunderts kam zusätzlich ein teilweiser elektrischer Betrieb hinzu, ehe der Mahlbetrieb 1956 eingestellt wurde.
In den 1980er Jahren erfolgte eine umfassende Restaurierung, und heute beherbergt die Mühle das Standesamt der Gemeinde. Umgeben von Rosenbeeten bietet sie ein besonders romantisches Ambiente. Jährlich am Deutschen Mühlentag erwacht die Patentmühle zu neuem Leben: Dann drehen sich die Flügel, es gibt Führungen, eine Bilderausstellung, Bewirtung für Gäste und spezielle Angebote für Kinder.
Wer sich in der Patentmühle trauen lassen mlchte, wendet sich an Herrn Schridde vom Standesamt Söhlde. Kontakt: 0 51 29 / 972-31, standesamt@soehlde.de
Deutscher Mühlentag in Söhlde
Am bundesweiten Deutschen Mühlentag – jedes Jahr am Pfingstmontag – öffnen auch die Mühlen in Söhlde ihre Türen. Besucher können die Mühlenkultur hautnah erleben.
Zu den Aktivitäten am Deutschen Mühlentag zählen die Inbetriebnahme der Flügel, eine Oldtimer-Ausstellung an der Kreidemühle, Mühlenführungen mit spannenden Einblicken in die Technik, eine Bilderausstellung zur Geschichte der Söhlder Kreide, Bewirtung mit regionalen Speisen und Kinderaktionen rund um die Patentmühle. So bleibt die Mühlentradition Söhldes lebendig und für alle Generationen erlebbar.