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Kultur in der Region Hildesheim

Das gute, alte Gummiband

Ob Gummibänder in meiner Kindheit Hosenträger, Strumpf- oder Sockenhalter hießen: Für uns Kinder waren sie allesamt unbeliebt. Geradezu verhasst aber war uns das auf eine viereckige Pappe gewickelte flache, graue Allzweckgummiband, das wir Kinder "Schlüpfergummi" nannten, weil schon sein Name verriet, wofür es verwendet wurde. Das Wort war uns peinlich und  wir schämten uns, wenn wir Ersatz kaufen mussten und bekamen einen roten Kopf, wenn wir unseren Wunsch am Tresen äußerten. Doch auch die Vorteile dieses Allzweckbandes erkannten wir: Das Gummiband - zwischen Daumen und Zeigefinger gespannt - war hervorragend geeignet, aus Papier gerollte und geknickte Krampen auf Schüler und Lehrer zu verschießen, die manchmal Mitteilungen enthielten, aber meist für Gelächter sorgten. 
Das Band hielt auf diese Weise einerseits die Stimmung der Schulklasse und andererseits unsere Unterhosen oben - ein wirklich vielseitiges Material und diese Eigenschaft versöhnte uns etwas mit dem hässlichen "Schlüpfergummi."
Gerade dieser Vielseitigkeit hat es das alte, gute Gummiband zu verdanken, dass es immer noch jung ist und immer wieder neue Verwendungsmöglichkeiten dafür gefunden werden.  Es lässt sich nicht unterkriegen. Im Gegenteil. Es hat alle Chancen, sein Leben noch viel weiter in die Länge ziehen zu lassen.
Es ist zum Beispiel die einfachste Möglichkeit, eine zusammengerollte Zeitung zusammenzuhalten, das Faschingshütchen am Kopf zu befestigen oder die neue Zahnklammer in der Zahnarztpraxis auszuprobieren.
Aber diese wenigen Verwendungsmöglichkeiten können nicht der einzige Grund für seine Beliebtheit sein. Ich vermute, es wird so gern verwandt, weil es dehnbar und universell einzusetzen ist. Weil es sich, so wie ein Stück Draht, eine Rolle Isolierband oder eine Büroklammer, überall als Nothelfer bewährt hat.  
Ich besitze einen Plattenspieler für meine alten Langspielplatten, der seit dem Aufkommen der silbernen CD nicht mehr nutzbar wäre, weil es keine Ersatzteile gibt. Doch einer dieser kleinen, roten Gummiringe erwies sich als Retter in der Not hält und hält seit Jahrzehnten die Nadel genauso zuverlässig an Ort und Stelle, wie es die verlorenen Schrauben getan hatten. Diese Eigenschaft, schnell improvisieren zu können, ist die Stärke des Gummibandes. Seiner Flexibilität ist es, die es dem Pferdeschwanz eines jungen Mädchens erlaubt, sich zu bewegen ohne aber die Haare auseinander fallen zu lassen. Doch es bündelt auch die kleinen Unordnungen in manchen Schubladen und lässt durch seine Verwendung zumindest den Anschein von Bemühen, dies abzustellen,  entstehen. Man kann das Gummiband drehen, wenden oder dehnen wie man will: Jeder Nutzer dieses Vielzweckbandes beweist durch seine Verwendung, dass es keine bessere Lösung gibt!
Einweckring, Fahrradgepäckträger, Autohalterung oder Sportexpander - Gummibänder sind wahre Alleskönner. Auch die "Schlüpfer" hält es immer noch oben - wenn auch heutzutage eleganter und besser getarnt.
Das nicht tot zu kriegende Gummiband verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit und sogar mit der Zukunft. Natürlich auf seine lockere, leicht lösbare, flexible Art. Auf dem Dachboden fand ich vor einiger Zeit meine Schulzeugnisse aus den fünfziger Jahren, die von einem Gummiband - ausgeschnitten aus einem Fahrradschlauch - zusammengehalten wurden. Die Zeugnisse waren gezeichnet von Hitze und Trockenheit, aber der Gummiring war wie neu. Ich ließ die Zeugnisse dort liegen, wo sie waren. Aber irgendwann wird einer meiner Enkel das Bündel in die Hand bekommen, die Zeugnisse aus ihrer sanften Umklammerung befreien und laut über die vielen Vermerke im Fach "Betragen" lachen - "Wolfgang nutzt ein Gummiband, um damit nachhaltig den Unterricht zu stören." Dann wird er vermutlich die Treppe hinunter stürmen und von seiner Mutter lautstark Aufklärung darüber verlangen, warum ihm selbst das verboten wurde, was für sein großes Vorbild - seinem Großvater - scheinbar ganz normal war.
Bis dahin aber wird der Gummiring wie ein Arm, der sich beiläufig und schützend um eine Schulter legt, für den Zusammenhalt der alten Zeugnisse sorgen.
Es klingt vielleicht überdehnt, aber es ist unübersehbar: Das gute alte Gummiband trägt mit dazu bei, einiges auf dieser Welt in Form, oben - und zusammen zu halten!

(Text von Wolfgang Nieschalk)

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